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189, „Ich weiß nicht, warum ich noch lebe“

Willkommen zur 189. Ausgabe meiner Ansichten über die Welt.

Es gibt drei Kategorien von Beiträgen die ich noch nicht veröffentlicht habe.

Nr. 1: Ich muss einen Entwurf noch fertig ausarbeiten.

Nr. 2: Die Geschichte hat sich zwar schon ihren Platz in meinem Gehirn gefunden, wurde aber noch nicht niedergeschrieben. 

Nr. 3: Ich bin der Story noch nicht begegnet. 

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Heute verarbeite ich eine Kritik die ich zu den Geschichten der Kategorie 2 zähle.

Schon um den Jahreswechsel hatte ich ein Buch vom ehemaligen ORF Auslandskorrespondenten / Kriegsberichterstatter Fritz Orter gelesen, welches den treffenden Namen „Ich weiß nicht, warum ich noch lebe“ trägt.

Fritz Orter ist den älteren meiner Leser (25-30+) sicher noch ein Begriff, bis Ende September 2012 war er in der ZIB 2, als einer der wenigen Kriegsberichterstatter die der ORF hat, im Fernsehen zu sehen. Sein Hauptaufgabenbereich war in den 90er Jahren der Balkan und in der Zeit der Jahrtausendwende bis zu seiner Pension der arabische Raum Afghanistan, Irak, Syrien.

Orters Buch war zu meiner Überraschung gerade einmal 120 Seiten stark, wovon die letzten 20 Seiten Bildern, persönlichen Schlussworten seiner Tochter und dem Quellenverzeichnis gewidmet sind.

Das ist natürlich völlig konträr zu einem 450 Seiter wie er z.b. bei Peter Scholl Latour zum Standard gehörte, aber durchaus auch leicht zu lesen, wobei so leicht ist es dann doch nicht zu verdauen, was Orter hier schildert.

Er nimmt sich aber hier trotz der Kürze seines Buches kein Blatt vor dem Mund, spricht davon dass er in Wien genauso von „guten“ Freunden in die Hölle geschickt wurde, wie in Jugoslawien selbst und erzählt vom Glaserl Sekt dass er bei jedem Abflug, oder jeder Abreise in ein Krisengebiet mit seiner Frau getrunken hat, dass Sie diejenige war die für ihm den Koffer packte und ihm somit gewisse Aufgaben abnahm die Orter die Zeit gaben sich auf seine Arbeit in Ruhe und Sorgfalt vorzubereiten.

Orter beschreibt diabolische und melancholische Szenen, so schreibt er dass er neben Friedhöfen oder Massengräber über diverse Schriftsteller oder Werke mit Kollegen philosophierte während man nebenbei den bestialischen Leichengeruch vernahm.

Typisch für ihn ist auch die Art wie treffend und mit trockenen Stil (wie in seinen Beiträgen auch) dieses Buch geschrieben und die Einzelereignisse beschrieben wurden. Hier spricht er übrigens sehr gesellschaftskritische Themen an, so ist die Kriegsberichterstattung für ihm natürlich nicht nur mit einem fahlen, sondern sehr morbiden Nachgeschmack versehen, Leichen Chauvinismus und Voyerismus inklusive.

So beschreibt er eben die friedliche Stimmung in Wien in diversen serbischen/kroatischen Lokalen, genauso, wie Ereignisse in denen ihm die selben „Freunde“ kurz danach in Jugoslawien fast ans Messer geliefert hätten.
Auch Unsterblichkeitsfantasien mancher Reporter die mit einem „I’m Immortal“ Sticker auf ihrem Auto durch die Sniper Alley in Sarajevo fuhren und irgendwann einmal mit nur einer funktionsfähigen Hand nach hause fuhren, kommen zur Sprache. Umgebracht hat den Kollegen jedoch der Alkoholismus, eine Krankheit der laut Orter viele Kollegen zum Opfer fielen.
Und diesen Kollegen die nicht zurück kamen gedenkt er sehr intensiv, er beschreibt sehr deutlich was mit ihnen geschah, oder wie sie umkamen, fragt sich selbst, was passiert wäre, wenn eine Kugel einen Zentimeter höher getroffen hätte, als sie es dann schließlich tat.

Orters Blick ist traurig, er schaut zurück mit einer Bitterkeit die durch die bildliche und tragische Darstellung seiner Erlebnisse und auf Basis seiner persönlichen Einschätzungen erdrückend wirkt. Doch durch Orters Arbeit konnten wir zu mindestens einen Teil dessen sehen, was wo anders stattfindet.
Er schafft es den Leser sehen zu lassen, was er sah. Viel Hoffnung spürt man in seinem Buch nicht, eher mehr Fragezeichen, so wie es der Titel schon erahnen lässt, bleiben über, doch Orter spricht die Wahrheit einer Welt an die in viele Klasse unterteilt ist und nach wie vor ein gefährlicher Ort ist. Dies gilt besonders dann, wenn man nicht weiß was man tut und viele aus unserer 1. Welt sind solche Menschen, die sich nicht auskennen.

Fritz Orter lässt aber meiner Meinung nach einen Schluss zu:
„Lasst die Menschen leben!“
Aber das ist meine Interpretation…

„Ich weiß nicht, warum ich noch lebe“, im gut sortierten Buchhandel eures Vertrauens oder beim Onlinebuchhändler…

euer Sivic

Written by Sivic

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