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Terroranschlag in Wien – Breite Kritik an OE24 und Kronenzeitung – 421

Medienbehörde KommAustria ermittelt gegen mehrere Medienunternehmen wegen möglicher medienrechtlicher Verstöße. Presserat erhielt mehr als 1.400 Beschwerden.

Die Berichterstattung zum Terroranschlag in Wien wird mittlerweile stark kritisiert. Der Presserat verzeichnete bis Mittwoch bereits 1.450 Beschwerden, gegen OE24 wurde eine Petition zur Streichung der Medienförderung aufgelegt, die bereits von fast 50.000 Menschen unterzeichnet wurde und die Medienbehörde KommAustria bestätigte Ermittlungen hinsichtlich der medialen Berichterstattung.

Die Nachrichtenmeldungen zum Terroranschlag in Wien werden von der Öffentlichkeit stark hinterfragt. Die Kronen-Zeitung/Krone-TV und Österreich/OE24 stehen hierbei besonders in der Kritik. So stellen sich insbesondere in den sozialen Netzwerken viele Menschen die Frage, ob die Berichterstattung nicht nur unangemessen sondern auch gefährlich war, denn in allen Medien wurden Details über die Einsätze veröffentlicht und Gerüchte gestreut, die wiederum die Lage unübersichtlicher gestaltet haben, als es ohnehin schon der Fall war.

BERICHTERSTATTUNG UND HANDY-VIDEOS SORGTEN FÜR INFORMATIONSCHAOS:

So war ab ca. 22:00 Uhr mehrmals von einem weiteren Anschlag in Salzburg, einer Geiselnahme in der Mariahilferstraße, mindestens 10 Attentätern und möglichen Verbindungen zu tschetschenischen Gruppen die Rede.

Auch über die Anzahl der Toten war lange Zeit nichts bekannt, der ORF berichtete immer nur von einem Toten (dem Täter) und OE24-TV von mehreren Opfern. Hinzu kamen Videos von Passanten und Anwohnern, die nicht nur zwei Bluttaten sondern auch augenscheinlich Verhaftungsszenen zeigten, woraus der Eindruck entstand, dass es sich um einen gezielten und koordinierten Anschlag von mehreren Tätern im Bereich zwischen Graben und Schwedenplatz handeln würde.

Diese konfuse Nachrichtenlage sorgte nicht nur in der Bevölkerung für Verwirrung, sie könnte auch für Koordinierungsschwierigkeiten im Krisenstab der Wiener Polizei gesorgt haben.

So wurde etwa von einer Geiselnahme in einem Dachgeschosslokal in der Wiener Innenstadt gesprochen, wobei ORF-Wien-Reporter Patrick Budgen im Interview mit Polizei-Sprecher Harald Sörös die Art des Restaurants und der Gesamtchefredakteur der Mediengruppe ÖSTERREICH und oe24-Geschäftsführer Niki Fellner, während der laufenden Live-Sendung den genauen Namen des Lokals bekanntgab. Letzterer hatte diese Informationen höchst wahrscheinlich von Florian Klenk erhalten, der den Restaurantnamen twitterte. Zudem gab es einen Live-Schaltung zur Straße in der sich das Lokal befindet.
Da es sich – wie sich später herausstellte – um eine Falschmeldung handelte, könnten hier journalistische Sorgfaltspflichten verletzt worden sein, was wiederum rechtliche Folgen haben könnte.

Hinzu kommt das Problem, dass immer wieder Szenen im Netz und den Medien auftauchten, die etwa Polizeibeamte bei Durchsuchungen und Personenkontrollen zeigten. So mussten sich vier Personen vor dem Kaufhaus Meindl am Graben ausziehen und wurden von Spezialeinheiten kontrolliert. Die Bilder die von einer Handy-Kamera aus aufgenommen wurden, ließen den Eindruck entstehen, dass es sich um eine Gruppe von Terroristen handeln würde, welche sich ergeben hätte.

Darüber hinaus veröffentlichten auch zahlreiche internationale Medien den Namen und ein Bild des Attentäters K.F., welches den Terroristen mit Pistole, Gewehrlauf und Machete zeigt und von diesem auf der Plattform Instagram hochgeladen wurde.

KRITIK MIT WIRTSCHAFTLICHEN KONSEQUENZEN FÜR SENDER:

Zwar hat mittlerweile auch OE24 eine Klarstellung veröffentlicht, die Mediengruppe ist aber von mehreren Seiten aus unter Druck geraten.
Denn einerseits fordert eine von den Schwestern Stephanie und Theresia Schneckenreither aufgestellte Online-Petition die Einstellung der Medienförderung für Österreich/OE24. Auf der anderen Seite haben eine Reihe von Unternehmen ihre Inseratenkampagnen bei Österreich/OE24 eingestellt.

So wurde im Laufe des Dienstags bekannt, dass die Handelsketten Spar, Billa, Lidl und Hofer keine Werbung mehr in den Medien der Medien-Gruppe Österreich und der Kronen-Zeitung schalten werden. Auch die ÖBB, Hervis (gehört zur Spar-Gruppe), net-at-home und Forstinger kündigten ihre Verträge bzw. gaben an aus diesen aussteigen zu wollen.

Die Online-Petition wird wiederum von mehr als 74.000 Menschen unterstützt. Dabei werfen die Initiatorinnen der Petition dem Medienhaus vor, sich schamlos an der Dramatik der Situation bedient zu haben, um hohe Einschaltquoten und Klickzahlen zu generieren.
So heißt es im Petitionstext: „Mit den veröffentlichten Inhalten, die ungefiltert Szenen des Anschlages zeigen, verstößt das Medium gegen jegliche moralische und ethische Grundsätze des Ehrenkodex der österreichischen Presse . Mit dieser Veröffentlichung trägt OE24 damit keinesfalls zu einer “Erbringung eines hochwertigen und vielfältigen Programmangebots” bei.“

Wiewohl die Kritik sich hauptsächlich auf OE24 konzentriert, wird im Text auch die Krone erwähnt und kritisiert. Pikantes Detail, OE24-TV erhielt alleine heuer 3.650.000,- Euro an staatlicher Förderung aus dem Privatrundfunkfonds, der wiederum aus den ORF-/GIS-Gebühren finanziert wird. Krone-TV bekam 2.400.000,- Euro an staatlichen Zuschüssen, die in erster Linie für öffentliche Inhalte wie Nachrichtensendungen, Kulturprogramme und teilweise auch Unterhaltungsshows gedacht ist. Dabei sei zu beachten, dass es in Form der Corona-Hilfsmaßnahmen für private Angebote quasi zu einer Verdoppelung der üblichen Fördersummen gekommen ist.

Anders ausgedrückt, würde es diese Förderungen nicht geben, dann würden auch private Sender kaum die Menge an Nachrichtenformaten anbieten, die man derzeit am Markt findet.

MEDIENBEHÖRDE KOMMAUSTRIA PRÜFT BERICHTERSTATTUNG ZU TERRORANSCHLAG:

Diese Kritik führt nun einerseits zu einer politischen Debatte über die Neuordnung der Medienförderung, so haben mehre Mediensprecher der Parlamentsparteien bereits Konsequenzen gefordert und andererseits zu Ermittlungen und Verfahren durch die zuständigen Institutionen und Behörden. So gingen beim Presserat, laut Standard, alleine bis Mittwoch 1450 Beschwerden über die Berichterstattung von Krone und OE24 ein, so viele wie noch nie zu einem Einzelereignis.

Doch auch die Medienbehörde KommAustria ermittelt, dies bestätigte der Pressesprecher der RTR-GmbH Andreas Kunigk in einem Antwortschreiben gegenüber Inside Politics, darin heißt es:

Sehr geehrter Herr Schiesl, zum jetzigen Zeitpunkt kann ich Ihnen mitteilen, dass die Regulierungsbehörde KommAustria die Berichterstattung zu dem Terroranschlag in einzelnen Fällen amtswegig nachgeht und eine umfassende, rechtliche Prüfung vornehmen wird.

Gegen welche Medien und nach welchen Gesetzen ermittelt wird, gab die Behörde nicht bekannt. Denn üblicherweise gibt die KommAustria zu laufenden Verfahren keine detaillierten Stellungnahmen ab.

Da die Medienbehörde jedoch in erster Linie nur für Radiosender, Fernsehprogramme und Abrufdienste (Videodienste im Internet) zuständig ist, bleibt vorläufig offen, ob andere staatliche Organe wie die Landespolizeidirektion Wien (LPD-Wien) und die zuständige Staatsanwaltschaft für Strafsachen auch gegen Nachrichtenportale im Internet sowie gegen Zeitungen ermitteln.
Auf telefonische Anfrage von Inside Politics konnte die LPD-Wien vorerst keine Auskunft geben, die Pressestelle wird dem aber noch einmal genauer nachgehen, eine Rückmeldung der Staatsanwaltschaft Wien stand zu Redaktionsschluss noch aus. Jedoch zeigt die Erfahrung, dass Ermittlungen gegen Medienhäuser stets ein sensibles Thema darstellen.

FAZIT:

Die Beanstandungen an der Berichterstattung haben ihre Berechtigung, gleichzeitig stellt sich die Frage was darf man filtern, verschweigen, ausblenden und somit nicht zeigen und wo wird diese Vorgangsweise zur Zensur. Dass die Wiener Polizei Medien und Zivilbevölkerung dazu aufgerufen hat, keine Szenen aus der Innenstadt zu veröffentlichen und diese Bitte – die auch vom Presserat wiederholt wurde – großteils ignoriert wurde, zeigt, dass das Bedürfnis nach Informationen und Nachrichten sowohl in der Bevölkerung selbst als auch bei den Medien groß war.

Der Terroranschlag wurde so zum multimedialen Großereignis und wo hier die Grenze zwischen Chauvinismus und Berichterstattung liegt, wird sich wohl erst in der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Geschehenen zeigen.

Fakt ist, es starben Menschen, es wurde darüber berichtet und viele Nachrichtenportale, Zeitungen, Radio- und Fernsehsender haben diese Nachrichten aus Wien in die Welt hinausgetragen. Die österreichischen Medien standen dabei im Wettbewerb zur internationalen Konkurrenz und so haben sich auch einige, wohl auch aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus, eben nicht an die Bitte der Polizei gehalten und genau das gemacht, was die Behörden verhindern wollten. Sie haben für Verwirrung gesorgt und einen gerade einmal neun Minuten lang anhaltenden Anschlag dermaßen inszeniert, dass es mehrere Stunden gedauert hat, bis die Polizei Entwarnung geben und die Innenstadt räumen konnte.

Die Medien haben damit also ebenfalls einen Teil der Verantwortung zu tragen. Daher haben auch beide Punkte ihre Berechtigung, das Veröffentlichen von solchen Szenen genauso, wie eben die Bitte der Polizei Bilder und Videos nur auf eine eigene Webseite des Innenministeriums zur Aufarbeitung hochzuladen (über 20.000 Uploads in der Tatnacht). Es bleibt weiterhin die Streitfrage, was darf in einer Demokratie veröffentlicht werden darf und was nicht, das gilt sowohl für den Anschlag selbst, als auch für die Zeit der Aufarbeitung der Geschehnisse.


Die gesamte Redaktion von Inside Politics ist mit ihren Gedanken bei den Opfern, ihren Hinterbliebenen, der Familie des Täters und dankt an dieser Stelle allen Einsatzkräften und Freiwilligen, die in dieser Nacht ihren Dienst an der Allgemeinheit geleistet haben.

BIS BALD,
EUER SIVIC

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Written by Sivic

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