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237, Geschichten aus Spielfeld, Flüchtlinge im Mittelpunkt

Hallo zur 237. Ausgabe von Sivics Blog.

Durch einen Zufall bekam ich den Link zu dem nun folgenden Bericht des Polizisten Valentin Tunner. 
Der junge Mann geht darin auf seine Erlebnisse in Spielfeld ein und präsentierte einen authentischen Augenzeugenbericht, der bereits auf Facebook und in anderen Medien, zigfach weiterverbreitet wurde.

Geschichten aus Spielfeld:

Video 1: Bezirkshauptmann Dr. Manfred Walch im Gespräch über die Lage in Spielfeld.

Ich war diese Woche selbst in Spielfeld und sprach unter anderem mit Bezirkshauptmann Dr. Manfred Walch (Bezirkshauptmannschhaft Leibnitz), der mir in „On The Grid“ deutlich schilderte, wie sich die Lage am „Hotspot Spielfeld“ derzeit gestaltet.

Valentin Tunner dessen Artikel ich nun veröffentliche, kenne ich zufällig seit sieben Jahren (Kommissar Zufall hat da doppelt zugeschlagen), daher war es mir auch aus der persönlichen Bekanntschaft heraus ein Anliegen seinen Beitrag zu teilen, er gab mir dafür auch sein Einverständnis.
Ich lasse ihn nun sprechen, denn sein Schreiben gibt einigen der vielen Menschen die hier herkommen ein Gesicht.

Die Fotos und Videoaufnahmen sind von meinem Besuch in Spielfeld vom 26. Oktober. Alle Interessierten seien noch auf unsere neue Playlist „Flüchtlinge in Österreich“ hingewiesen, hier findet man alle unsere Beiträge zum betreffenden Thema.

Bericht von Valentin Tunner 24.10.2015

(Polizist in Spielfeld):

Die letzten Wochen in Spielfeld und Bad Radkersburg waren die wohl anstrengendsten in meiner bisherigen Dienstzeit. Nicht nur körperlich (vorgestern kam ich von einem 30h Dienst, gerade beende ich einen 24er), auch -und ganz besonders- psychisch ist das für alle Beteiligten die auch nur einen Funken Empathie haben, eine ganz ganz große Belastung.

Und manche, die noch vor kurzem von „nur Wirtschaftsflüchtlinge und Asylmissbrauch“ geredet haben, sehen hier Kinder kollabieren, Väter bitter weinen weil die Familie getrennt wurde aber auch die Freude wenn man mit Kleinigkeiten wie Süßigkeiten, Decken oder Worten hilft, und sind mittlerweile ganz anderer Meinung.

 Bild 1: Ein Bub aus Ehrenhausen (Südsteiermark), verteilt Matchbox-Autos an Kinder.

Nach wie vor werde ich nicht blindlings alle über einen Kamm scheren, weder positiv noch negativ. Was ich hier teilweise an Negativbeispielen erlebe, könnt ihr eh an anderen Stellen lesen, heute möchte ich mich aber aufs Positive konzentrieren.

Ich habe einen irakischen Kollegen von der Polizei getroffen, der mir Bilder von seiner Arbeit und Familie zeigte. Von seinen Kollegen, die der IS gezielt getötet hat. Die Frisörin mit ihrer Mutter, deren 70 jährige Vater in ein anderes Lager in SLO gebracht wurde. Seither suchen sie verzweifelt nach Kontakt, wollen nicht weiter. Der 12 jährige Bub mit seiner 8 jährigen Schwester an der Hand.

Video 2:  Beitrag über Flüchtlinge im Transitbereich des Grenzübergangs Spielfeld.

Vollwaise – ihre Eltern wurden getötet, sie reisen gemeinsam mit einem Freund der Familie aus Angst, in die Jugendwohlfahrt zu kommen und nicht zu ihrer Tante, die es schon nach Belgien geschafft hat und nix vom Tod der Eltern weiß.
Und auch so viele Kollegen, die zeigen, dass Polizist sein in erster Linie auch Mensch sein heißt. Die in kleinen Dingen helfen – wenn wir einen Hotspot auf unseren Handys aufmachen, damit sie mit ihren Familien auf WhatsApp schreiben können und sich 1000 mal bedanken.

Bild 2: „Immer weiter Richtung Norden“, Flüchtlinge und Migranten am Weg zu einem lang erwarteten Bus.

Jeder von den Einsatzkräften ist bemüht, im Rahmen des Möglichen zu helfen und stoßt doch an seine Grenzen.
Was mich nach dem gestrigen Durchbruch der derzeit ins Landesinnere gehenden Flüchtlingen an der Grenze in Spielfeld am meisten bewegt hat ist, dass sich entlang der Bundesstraße so viele Menschen am Straßenrand aufgestellt haben – den Kofferraum voll Gewand, Lebensmittel und Hilfsgüter und einfach geholfen haben. Weil sie gesehen haben, was los war. Vielleicht hat das auch etwas Gutes gehabt, vielleicht braucht es manchmal das „Elend vor der Haustür“.

 Bild 3: „Polizisten im Dauereinsatz.“, ob Demonstrationssicherung oder Absperrungen tragen, Polizisten werden an die Grenze ihrer Belastbarkeit gebracht.

Die Bilder in der ZiB von der Grenze schauen ja recht weit weg aus. Ich denke, jeder der selbst dort war und mit den Flüchtlingen, die zum Gutteil ganz ordentliches Schulenglisch sprechen, geredet hat, weiß was ich meine.
Wo die Hochpolitik nicht weiterkommt, da packen die Menschen mit an.
Hört auf euer Herz, seht den Bruder, die Schwester in dem Menschen gegenüber von euch. Lasst euch nicht von Hass und Angst leiten.

Diese Menschen, also auch ihr alle, tun und geben so viel, das wiegt alles wieder auf, was ich in letzter Zeit in meinem Bekanntenkreis so miterleben musste.
Diese Menschen und ihr alle, die ihr in welcher Art auch immer und oft neben Job und Familie helft, habt meinen tiefsten Respekt. Ich bin stolz auf dieses Land und auf uns alle.

Danke dafür.

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Dieser Beitrag ist allen Beteiligten gewidmet die sich in Spielfeld engagieren. Herzlichen Dank dafür!

Sivic

Written by Sivic

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